Ein Leben - ein Rätsel - Nachruf auf Brigitte Böll (Geb. 1934)

von Anne Jelena Schulte / tagesspiegel, 28. März 2015

Eine glänzende Erscheinung, Grande Dame – das war die Rolle, die sie gern spielte. Dass das Geld fehlte, und warum Männer vom Geheimdienst vor der Tür standen, das behielt sie für sich. – Klackernde Absätze, langes rotes Haar, schaukelnde Ohrringe, große, bunte Perlenketten: Auftritt Brigitte Böll. Schön ist sie, widersprüchlich und rätselhaft wie eine Romanfigur. Was kein Zufall ist. Bücher liest sie nicht, sie inhaliert sie, springt von einem Werk zum anderen, vergleicht, interpretiert, untersucht Sprache, Technik und die Biografien der Verfasser. Und irgendwann beginnt diese leidenschaftliche Leserin damit, sich ihre eigene Geschichte zu schreiben.
Blick in die Stasi-Akte
In der Hoffnung, die Geschichte hinter ihrer Geschichte zu erfahren, haben die Kinder Brigittes Stasi-Akte gelesen. Dem ersten Eintrag, da sind sie sich sicher, hätte ihre Mutter aus ganzem Herzen zugestimmt. Er stammt von 1955, „reine Vergnügungssucht“ wird Brigitte darin attestiert. Eine Suchterkrankung muss es sein, die das junge Mädchen aus dem schönen Cottbus zur Tante nach Hannover treibt! Und weiter fährt sie, in die Hauptstadt aller Vergnügungssüchtigen, nach Paris. Dort arbeitet sie als Au-pair-Mädchen, denn sie hat kein Geld. Der Vater ist im Krieg geblieben, die Mutter blieb allein mit ihren drei Töchtern.
Ein paar Jahre lebt Brigitte in Paris, sammelt schöne Vornamen für ihre künftigen Kinder. Mehr als für die Hauptstadt der Franzosen aber interessiert sie sich für die Sprach- und Ideenlandschaften der Literatur. Diese zu studieren lässt sie sich nicht verbieten, auch wenn sie kein Abitur hat.
Der Mann spielt
Zurück in Deutschland sitzt sie als Gasthörerin in den Vorlesungen der Literaturwissenschaften, wird aber auch in Ingenieurswesen gesichtet. Grund dafür ist das Ingenieurswesen Günther Böll. Dass Günther ein direkter Verwandter von Heinrich Böll ist, verleiht ihm in Brigittes Augen zusätzlichen Glanz.
Der Ingenieur schenkt der Schönen seinen Namen, vier Kinder und eine Villa in Berlin-Lichterfelde. Und dann beginnt er seine Gaben wieder zu zerstören, denn neben Beruf und Familie pflegt er eine prekäre Leidenschaft.
Fragt man Brigitte nach den Gründen für die Scheidung, verweist sie auf Dostojewskijs Roman „Der Spieler“. Ein Verweis auf das Psychogramm ihres Ehemannes, aber auch auf ihre Eigenart, schnell in andere Geschichten zu wechseln, wenn sie nach der eigenen gefragt wird.
Um den teuren Wein kümmern sich ihre Gäste
In dieser spielt sie immerhin die Hauptrolle, und die soll nicht die einer abgehetzten, alleinerziehenden Mutter sein, dankbar für jeden Krümel, den das Glück der anderen übrig lässt. Die Rolle, die sie für sich ersonnen hat, ist die der Grande Dame. Auch wenn der Ex-Mann wütet, die Villa bleibt in ihrer Hand. Die oberen Etagen vermietet sie an amerikanische Offiziere, an Wissenschaftler, Künstler und Botschafter. Sie selbst bezieht mit ihren Kindern Parterre und Souterrain. Eine Nanny gibt es nun nicht mehr, dafür aber viele Aufgaben für die Kinder, etwa die Vorbereitungen für Brigittes Salons: Auf dem Buffet locken feinste Speisen, die Türen in den Garten stehen offen, am Flügel wird gespielt. Es begegnen sich Pfarrer der Bekennenden Kirche, Wissenschaftler und berühmte Maler. Leuchtender Mittelpunkt ihrer eigenen Feste aber ist sie selbst. Da steht sie und lacht und diskutiert, nimmt Bücher entgegen und gibt Empfehlungen, eine glänzende Erscheinung, die sich sonnt im Glanz der anderen.
Not ist nicht zu sehen
Dafür, dass der teure Wein nicht versiegt, sorgen diskret die Gäste. Denn allein vermag sie ihn nicht zu füllen, den großbürgerlichen Rahmen, in den sie ihr Leben fasst. Dass es manchmal selbst für die Milch zum Frühstücken nicht reicht, wissen nur die engsten Freunde. Wie zufällig lassen diese mal einen Einkauf bei ihr stehen, oder behaupten, Dinge doppelt gekauft zu haben und nun loswerden zu müssen. Brigittes Auftritte aber lassen nichts von dieser Not erahnen, so, wie sie auch sonst wenig preisgibt von sich selbst.
Die Brigitte, die sie herzeigt, ist die öffentliche Brigitte. Dahinter gibt es eine andere, eine, die 1972 plötzlich weg ist, von einem Tag auf den anderen, verschwunden in jener Geschichte, die die Kinder nun in den Stasi-Akten suchen. Doch es fehlen ganze Kapitel, und wesentliche Stellen sind geschwärzt.
Zur Familie sickert durch, dass Brigitte Böll, die elegante Gesellschaftsdame, in einem Gefängnis in Ungarn sitzt. Die Kinder werden von der Großmutter betreut und nach deren Tod auf verschiedene Familien verteilt. Die älteste Tochter, die gerade zehn Jahre alt ist, schreibt Bittbriefe ans Auswärtige Amt: Helft, dass unsere Mutter wiederkommen kann. Zwei Jahre lang müssen sie warten, bis Brigitte im Sommer 1974 zurückkehrt. Bleich ist sie, abgemagert, ein Gesichtsnerv und die Bauchspeicheldrüse sind entzündet.
Widersprüche werden offenbar
Sie liegt viel im Krankenhaus, ihr Wille zum Glanz aber scheint ungebrochen. Sehr intelligente, hochgebildete Menschen habe sie im Gefängnis kennengelernt. Mehr berichtet sie nicht aus ihrer Haftzeit. Oder darf sie nicht mehr sagen? Eine Frage, die ihr nie jemand gestellt hat, einfach, weil sie signalisiert, dass sie nicht darüber zu reden wünscht, und weil jeder sieht, dass sie Qualvolles durchgemacht hat.
Grund für die Inhaftierung, so erzählt sie, sei eine tragische Liebesgeschichte gewesen: Ein Mann, in den sie sich verliebt hatte, habe sie zur Fluchthilfe für zwei DDR-Familien überredet, sich dann als Stasi- Agent entpuppt und sie mitsamt einer Fluchthelfer-Gruppe in Ungarn hochgehen lassen. Die Bundesrepublik habe sie schließlich freigekauft.
Widersprüche tun sich auf: Sie erzählt, dass sie in Ost-Berlin zwei Wochenenden lang verhört worden sei, behauptet aber andererseits, Ungarn habe sie nicht an die DDR ausgeliefert. Schon ein halbes Jahr nach ihrer Entlassung besucht sie mit ihren Kindern Verwandte in Cottbus und bleibt unbehelligt. Niemand fragt nach dem Grund.
BND und Stasi bewachen einander
Vor der Villa sitzen jetzt tatenlose Männer in Autos. Brigitte versucht, die Kinder zu beruhigen: Der BND und die Stasi würden sie und einander bewachen, das sei wohl ein absurder, aber auch ein optimaler Schutz. Im Haus aber sind Spuren von Einbrüchen zu sehen, immer wieder.
Reden über Literatur
Manchmal nehmen die Kinder Anflüge von Angst an ihr wahr, meist aber führt sie scheinbar ungerührt ihr altes Leben weiter: Sie pflegt eine elegante Erscheinung, veranstaltet ihre Salons, kümmert sich um ihren weltumspannenden Freundeskreis, engagiert sich in Kunst- und Kultur-Verbänden, und liest, liest, liest. Ihre Gespräche drehen sich beinahe ausschließlich um die Literatur.
Für die Milch zum Frühstück und die anderen lästigen Notwendigkeiten tritt sie einen Bürojob an, den sie höchstens nebenbei erwähnt. Männer kommen, Männer gehen. Ist einer da, umsorgt sie ihn, fängt der Mann an, sich darauf auszuruhen, beendet sie das Verhältnis. Mit jüngeren Frauen führt sie intensive Gespräche, zitiert aus der Frauenliteratur, beschwört sie, Abschlüsse und Fortbildungen zu machen. Vielleicht stellt sie sich dann vor, welche Geschichte sie selbst wohl geschrieben hätte mit einem Abschluss.
An der Villa hält sie fest, auch als die Kinder längst ausgezogen sind und ihrer bescheiden lebenden Mutter ausmalen, wie wohlhabend sie wäre ohne das Haus. Das aber dient ihr noch immer als Bühne für glänzende Auftritte, als Trutzburg gegen die Profanität des Daseins. Auch die Enkel lädt sie ein, mit ihr durch die Romane und Biografien der großen Schriftsteller zu reisen. Die eigene Biografie aber darf auch von dieser Generation höchstens gestreift werden.
Jugendliebe meldet sich
Am Ende schlägt ihr Leben einen eleganten Bogen zurück zum Anfang. Ihre Jugendliebe, ein Architekt, setzt zwei Fotos der jungen Brigitte in die Zeitung: Wer kennt diese Frau und wo ist sie? Die Schwester stellt den Kontakt her. – Sie telefonieren, schreiben sich täglich einen Brief, in Brigittes Augen glänzt die Verliebtheit des 17-jährigen Mädchens. Sehen aber will sie den wiedergefundenen Freund erst, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen ist. Dort liegt sie seit einigen Wochen, umgeben von einem Wall aus Büchern.
Sie wird ihn nicht wiedersehen. Ihre Familie versammelt sich, eine Festgemeinschaft im Sterbezimmer. Sie haben Wein dabei und gutes Essen. Sie reden, sie lachen, sie weinen, halten die Hand ihrer nahen, fernen, ihrer rätselhaften Brigitte, die sich in einem Schlaf befindet zwischen Leben und Tod. Es ist ihr Abschiedsfest. Was bleibt, sind viele Bücher und viele Fragen.
(http://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrufe/nachruf-auf-brigitte-boell-geb-1934-ein-leben-ein-raetsel/11561696.html)

Artikel vom 27. Mär 2015


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