Bielefeld wäre ja nicht der Rede wert, wenn die verdienstvollen Schwarzen Hafen-Nächte nicht zur das Unsagbare zur Sprache gebracht hätten - fand auch die Wochenzeitung "der freitag" (mit einem justamente Grimme gewürdigten Netzauftritt) am 7. April 2010:
von Katharina Miklis
Aus Bielefeld? Das gibt's doch nicht!
Die Progressivsten unter uns wissen es chon lange: Die Stadt in Ostwestfalen ist ein Fake. Endlich sagt das mal jemand laut und öffentlich - auf einer Bühne in Hamburg
Gibt es sie? Oder gibt es sie nicht? Was ist dran an dem Gerücht, dass
die Stadt Bielefeld gar nicht existiert? Seit Jahren kursiert es im Internet
und auf Studentenpartys – und wird zusehends beliebter. Im Sommer soll gar ein
Film darüber ins Kino kommen. Und in Hamburg ist der Saal rappelvoll, wenn darüber
gesprochen wird. Ortstermin in der Speicherstadt. Ein paar Grüppchen haben sich
vor einer alten Kaffeerösterei versammelt. Hastig werden die letzten Kippen
geraucht. Die Nacht wirkt still. Doch das täuscht. Im Inneren des Speichers ist
kaum noch Platz. Bestimmt 100 Leute sind gekommen. Ein bunt gemixter Haufen und
ein großer, wenn man bedenkt, dass die Leute wegen etwas gekommen sind, das es
gar nicht gibt.
„Bielefeld
existiert nicht! Jeder weiß es. Aber niemand traut sich, es zu sagen“, steht
auf der Einladung, die in den dunklen Hamburger Hafen gelockt hat, und die
nichts Geringeres verspricht als eine wahrhaftige Enthüllung: „Wir werden es
erstmals öffentlich machen, weil wir eine Verpflichtung verspüren. Von diesem
Tag an kann niemand mehr behaupten, er habe von nichts gewusst: Bielefeld ist
ein Fake“.
16 Jahre ist es
her, dass der Kieler Informatikstudent Achim Held die Existenz Bielefelds in
Frage stellte. Aus einer Bierlaune heraus setzte er dieses satirische
Gedankenkonstrukt ins Internet, wo es sich über die Jahre hinweg verselbstständigte.
Und bis heute besteht. Die Bielefeld-Verschwörung ist mittlerweile wohl der
bekannteste Running Gag im deutschen Internet. Und zum Leidwesen der gebürtigen
Bielefelder auch über das Internet hinaus. „Bielefeld? Das gibt’s doch gar
nicht!“. Kaum ein Ostwestfale, der diesen Satz nicht schon 100 Mal gehört hat,
wenn er seinen Heimatort preisgab.
Lügenarchitektur
Die Anhänger der
Theorie glauben, dass eine Geheimorganisation, vermutlich die CIA, vielleicht
aber auch Außerirdische, die Existenz der Stadt am Teutoburger Wald vorgaukeln,
um von ihren Machenschaften abzulenken. Welche das genau sind, darüber
kursieren ebenfalls diverse Gerüchte. Vielleicht bereiten „sie“ die Landung
eines Ufos vor, vielleicht hält sich der totgeglaubte John F. Kennedy dort
versteckt. Oder befindet sich in Bielefeld gar der Eingang zu Atlantis? Auf
jeden Fall sollen der Backmischer Dr. Oetker und die Fußballer von Arminia nur
Hirngespinste sein, um die Lüge aufrecht zu halten.
23 Autoren haben sich nun zusammengetan, um, wie sie sagen, ihr
Schweigen zu brechen. In dem gerade erschienenen Buch Rätselhaftes Bielefeld
– Die Verschwörung haben Autoren wie Wiglaf Droste, Udo Lindenberg, Hans
Zippert oder Dietmar Wischmeyer ihre Ideen, Theorien und Gedanken rund um die
Bielefeld-Verschwörung zusammengefasst. Schließlich wolle man sich nicht länger
„zum Werkzeug eines undurchsichtigen Planes“ machen lassen.
Einige der
Autoren sind auch an diesem Abend in Hamburg dabei. In der Kaffeerösterei liegen
auch andere Bücher zum Kauf bereit, die sich mit dem Phänomen beschäftigen.
Schon viele Denker haben versucht, die Welt von der Nicht-Existenz dieser Stadt
zu überzeugen. Heute Abend soll es gelingen.
Auf der Bühne
steht Dietmar Bittrich. Der Mann mit den grauen Schläfen kommt zwar aus
Hamburg, hat aber seine Erfahrungen mit Bielefeld gemacht. Mit einigen
prominenten Personen will der Autor über die Stadt gesprochen haben. Und alle
Nachforschungen, die er angestellt habe, haben ihn stets zu der Behauptung zurückgeführt:
Bielefeld gibt es nicht. Bittrich liest vor, was Evolutionsforscher Charles
Darwin einmal gesagt haben soll: „Es kann nicht einerseits menschliches Leben
geben und andererseits Bielefeld. Denn zwei so gegensätzliche Dinge können im
Universum niemals gleichzeitig existieren. Quod erat demonstrandum“. Von Otto
von Bismarck soll laut Bittrich der Satz überliefert sein: „Es wird niemals so
viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges, nach der Jagd und bei der
Erfindung eines Phänomens namens Bielefeld“. Und auch von Prinzessin Dianas
bisher unveröffentlichtem Tagebucheintrag will der Autor erfahren haben: Sie
mache sich mit Dodi auf in eine geheimnisvolle Stadt. Ihr Chauffeur soll sie
durch einen Tunnel führen. Nach Bielefeld...
Geistig verwirrte Menschen
Auch der
Hamburger Journalist und Autor Michael Koglin versucht das Publikum in
der Speicherstadt von der Nicht-Existenz Bielefelds zu überzeugen. In seinen „Bielefeld
Papieren“, die ebenfalls in dem Buch aus dem Pendragon Verlag nachzulesen sind,
stehen die Erkenntnisse seiner Recherchen. Auf der Internetseite der Stadt
Bielefeld gebe es beispielsweise alles, was eine Stadt so braucht, um Stadt zu
sein, erklärt der Verschwörungstheoretiker mit den wirren Locken. „Eine
geradezu perfekte Illusion“. Koglin erklärt dieses Phänomen so: „Tausende von
Mitarbeitern oder eben perfekte Computerprogramme dürften nötig sein, um diese
digitale Fata Morgana aufrecht zu erhalten“.
Einzig und
allein Achim Held lässt nicht nur Zweifel aufkommen, sondern sabotiert
die ganze Nummer auch noch. Ausgerechnet der Erfinder des Phänomens steht 16
Jahre danach in Hamburg auf der Bühne und erzählt, es hätte auch jede andere
Stadt treffen können. Bielefeld wäre damals für ihn so belanglos und langweilig
gewesen, dass sie ihm als erstes einfiel. Über die Jahre habe Held, der heute
IT-Berater ist, jedoch so viel Post von geistig verwirrten Menschen bekommen,
die in ihm einen Seelenverwandten sehen, dass er die große Bielefeld-Verschwörung
auch nicht mehr wirklich lustig findet.
Was will
Vordenker Held damit sagen? Dass es Bielefeld etwa doch gibt? Das konnte dann
in der Verschwörungsnacht im Hamburger Hafen zwar nicht abschließend geklärt
werden. Aber die Besucher ahnen die Wahrheit – Helds Entzauberung zum Trotz.
Denn: Warum fand die Buchvorstellung eines Buches über Bielefeld ausgerechnet
in Hamburg statt und nicht in Bielefeld? Eben.
Das "magazin" Hamburger Abendblatt stellte am Wochenende 31. Oktober/1. November 09 die mörderische Metropole in Hamburg vor - und dabei auch die grauenvollen Schwarzen (Hafen-) Nächte...
Peter Münder schrieb im Titel-Magazin (einem der 1. Kulturadressen im Netz mit über 200.000 "Zugriffen" pro Monat) über Sherlock Holmes und die 1. Schwarze (Hafen-)Nacht. Wir dürfen den Essay hier dankenswerterweise vorstellen.
Sherlock Holmes oder Ist Conan Doyle noch
zeitgemäß?
Überlegungen anlässlich des 150. Geburtstags
Ein Essay von Peter
Münder
Wirkt Sherlock Holmes nicht meistens wie ein autoritärer,
oberschlauer, selbstgefälliger wilhelminischer Oberlehrer? Mit einem Blick auf
einen Spazierstock, einen Hut oder auf eine Taschenuhr kann er fast die
komplette Biografie der Besitzer erschließen, die Scotland-Yard-Inspektoren
Lestrade und Gregson deklassiert er mit seinen messerscharfen Kombinationen als
inkompetente Laien und die hohe Kunst der deduktiven Lösung schwierigster
Kriminalfälle hat er offenbar, wie sein Gefährte und Helfer Watson anerkennend
registriert, zu einer neuen wissenschaftlichen Disziplin perfektioniert. Und
immer betätigt sich Holmes als penetranter PR-Manager in eigener Sache. Vom
viel gepriesenen britischen Understatement hat der Mann offenbar nie etwas
gehört. Selbst über Edgar Allan Poes cleveren Kombinierer Dupin mokiert er sich
höhnisch – der sei als langsamer Brüter nicht so recht ernst zu nehmen.
Immerhin ist Holmes aber kein Snob: Die Zusammenarbeit mit heruntergekommenen
Straßenjungen, die er als Informanten und Botenjungen anheuert, sei „wesentlich
produktiver als mit Dutzenden von Polizeibeamten“.
Null Trotzdem hätte der Meisterdetektiv den Pisa-Test wohl mit Glanz und Gloria
vergeigt, auch die Mittlere Reife nie erreicht. Watson ist jedenfalls nicht nur
verblüfft, sondern geradezu entsetzt über die gigantischen Wissenslücken von
Sherlock Holmes, als er diesen vor der Gründung ihrer Junggesellen-WG in der
Baker Street 221B bei Mrs. Hudson trifft, um ihn kennenzulernen. Wir erinnern
uns: Der verletzte, nicht allzu liquide Militärarzt und Afghanistan-Heimkehrer
John H. Watson, M.D., muss sich nach einem längeren, kostspieligen
Hotelaufenthalt in London eine billigere Bleibe suchen und erhält vom
ehemaligen Studienfreund Stamford den Tipp, sich doch mit Holmes zusammenzutun.
Watson wird nicht richtig schlau aus dem scharfsinnigen Fachidioten Holmes:
Einerseits kennt der die obskursten chemischen Substanzen, er hat ein Traktat
über 130 unterschiedliche Typen von Ascheresten veröffentlicht, neue
Untersuchungsmethoden zur Identifizierung von Blutspuren entwickelt und ist
bestens informiert über kontroverse aktuelle Kriminalfälle in Frankreich,
Deutschland oder Belgien. Oxbridge Diese Einschätzung des Meisters als einseitig spezialisierter Fachidiot ist
wahrlich ein geschickter Kunstgriff, mit dem Conan Doyle (1859–1930) seinen
vermeintlich so oberschlauen Helden Holmes vom Sockel holt. Denn oft genug
wirkt der Detektiv ja mit seinem theatralischen Auftrumpfen als allwissender
Deduktionskünstler oder als egomanischer Hüter seines Herrschaftswissens, in
das er die Betroffenen erst bei der Lösung aller Probleme einweiht, absolut
penetrant. Aber der Technokrat Holmes, immer auf der Höhe neuester
wissenschaftlicher Erkenntnisse, ist eben auch seiner Zeit voraus. Er wäre
heute mit den neuesten DNA-Tests oder Wanzeninstallationen ebenso vertraut wie
mit dem Ausspähen von PCs und hätte sich wohl auf das Ausmerzen der
organisierten Kriminalität spezialisiert.
Andererseits hat Holmes noch nie etwas vom berühmten britischen Literaten
Thomas Carlyle oder von Kopernikus gehört. Solche Einzelheiten, erklärt er,
würde er auch gar nicht behalten, sondern sofort wieder vergessen. „Aber das
Sonnensystem!“ protestiert Watson. „Was interessiert mich denn, ob sich die
Erde um die Sonne dreht“, blafft Holmes seinen Gefährten an, „selbst wenn wir
uns um den Mond drehen würden, wäre das für mich genauso belanglos“. Holmes
verweist auf seine begrenzten mentalen Speicherkapazitäten, die einem Zimmer
ähnelten, das auch regelmäßig entrümpelt werden müsste. Der irritierte Watson,
der sich während seines Treffens mit Holmes ein Bild über diesen merkwürdigen
Forscher machen will, stellt ihm also (in der ersten Holmes-Story A Study in
Scarlet von 1887) verschiedene Testfragen mit irritierenden Resultaten, die
er auf seiner Liste („Sherlock Holmes – Seine Schwächen“) feinsäuberlich
notiert:
1) Literaturkenntnisse: Null
2) Philosophie: Null
3) Astronomie: Null
4) Politik: Dürftig
5) Botanik: Sehr gemischt – äußerst kenntnisreich
hinsichtlich Belladonna, Opium
und allen Giften, weiß aber nichts über
allgemeine Gärtnerei
6) Geographie: praktische, aber begrenzte
Kenntnisse
7) Chemie: allumfassend
8) Anatomie: sehr genaue, aber unsystematische
Kenntnisse
9) Literatur über Kriminalfälle: Immens, er
scheint jedes Detail aller Horrorgeschichten
dieses Jahrhunderts zu kennen
10) Kann gut auf der Violine spielen
11) Ist ein extrem guter Boxer und Schwertkämpfer
12) Hat gute Kenntnisse der britischen
Rechtssprechung
Aber Pisa hin, dürftiges Allgemeinwissen her – für die eingeschworene britische
Holmes-Gemeinde sind diese kritischen Erörterungen bildungsbeflissener
Kulturträger offenbar überflüssig und lächerlich. Stattdessen spekuliert man
unter Holmesianern schon seit Jahrzehnten darüber, an welcher Uni und an
welchem College der kluge Kopf Holmes wohl studiert hat: Oxford oder Cambridge?
Dutzende von Autoren, darunter auch die Oxford-Absolventin Dorothy Sayers,
haben sich mit dieser eminent bewegenden Frage mit einer mehr oder weniger
ironischer Attitüde beschäftigt und ihre Ergebnisse, je nach eigenem
akademischen Hintergrund, in Büchern und Broschüren veröffentlicht. In Oxford
findet man in den meisten Buchläden Nicholas Utechins 27-Seiten Pamphlet Sherlock
Holmes at Oxford worin er für das University College als Holmes’ alma
mater plädiert. In Cambridge hält man es dagegen eher mit der Broschüre von
Trevor Halls Sherlock Holmes – Ten Literary Studies. Für den
Cambridge-Alumnus steht natürlich fest, dass der Super-Detektiv auch in
Cambridge studiert hat. Schließlich sei die akademische Hochburg
naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auch für den an Medizin und Chemie stark
interessierten Holmes enorm attraktiv gewesen, argumentiert Trevor Hall.
Wahrscheinlich hätten solche Debatten über den potenziellen
Oxbridge-Absolventen Holmes den ohnehin schon von seinem Helden entnervten
Conan Doyle in den totalen Wahnsinn getrieben.
Größenwahn
Übrigens fand Watson Holmes’ latenten Größenwahn und seine theatralischen
Gesten, mit denen er seine omnipotente Deduktionskunst anpries, mitunter so
abstoßend, dass er ihm seine Taschenuhr als Testobjekt überließ: Was könnte ihm
die Uhr über den Vorbesitzer aussagen? Natürlich gar nichts, vermutete Watson –
endlich würde er den allzu selbstgefälligen Detektiv als eloquenten
Schaumschläger demaskieren. Als Holmes dann unverdrossen über den
alkoholsüchtigen, verarmten Bruder von Watson schwadroniert, dessen
Lebensstationen sozusagen in der Taschenuhr eingraviert seien, wird es Watson
zu bunt: Diesmal sei er zu weit gegangen und habe sich als weit unter seinem
üblichen Niveau schwadronierender Scharlatan entlarvt – diese Details könne er
nie und nimmer aus der Betrachtung der Uhr gewonnen haben! Natürlich kann
Holmes ihn eines Besseren belehren: Nur ein Alkoholsüchtiger zerkratzt beim
Aufziehen der Uhr mit zittriger Hand die silberne Uhr mit dem Schlüssel, die
Stationen des langsamen finanziellen Ruins seien im Deckel eingraviert: Die
Registriernummern der Pfandhäuser seien dafür ein sicheres Indiz- wieder einmal
triumphiert der clevere Meisterdetektiv.
War es diese coole, unbeirrbare Souveränität des Groß-Deduktionisten, die zum
Begeisterungstaumel der Holmes-Leser führte und ihn in unsicheren Zeiten als
Hüter traditioneller Werte und als Garanten sicherer Verhältnisse so populär
machten? Wohl kaum. Vielmehr war es wohl der Mix von überlegenem
Kombinationstalent, brillanter Recherche und den diversen exzentrischen
Marotten (inklusive Drogenkonsum), die dieses Superhirn so menschlich und
sympathisch mit seinen Schwächen erscheinen ließ, dass der Meisterdetektiv sich
in den Herzen seiner Leser einen festen Platz eroberte. Was dann ja prompt zum
furiosen Proteststurm führte, als der entnervte Autor seinen Helden 1893 bei
den Reichenbach-Fällen in den exitus jagte. Der bekennende Nietzscheaner
und Viktorianer Doyle, der sich so begeistert für die klassische
imperialistische Intervention im Burenkrieg aussprach, hatte mit seiner nach
dem ehemaligen Medizin-Professor Joseph Bell modellierten Figur des
Meisterdetektivs Sherlock Holmes offenbar einen nietzscheanischen Übermenschen
produziert, der nicht nur intellektuell gut aufgestellt war, sondern auch noch
für spannendes Entertainment sorgte.
Und heute?
Aber ist dieses Faszinosum heute noch aktuell? Offenbar ja: „Mich hat immer die
Atmosphäre seiner Geschichten fasziniert“, erklärte der
Sherlock-Holmes-Spezialist Peter Neugebauer alias Zeus Weinstein während einer
gelungenen Hamburger Veranstaltung anlässlich des 150. Geburtstags von Conan
Doyle in der historischen Kaffeerösterei in der Speicherstadt. Weinstein hat
das jetzt neu aufgelegte große Holmes-Kompendium verfasst und schwärmt immer
noch für die präzise Figurenzeichnung der Holmes-Romane, mit denen eben auch
Atmosphäre und Lebensgefühl des hegemonialen Empire authentisch vermittelt
werden. Den Holmes-Abend mit Lesung des „Holmes-Enkels“ Michael Koglin und
Saxophon-Einlagen von Eberhard Michaely hatte der Krimi-Spezialist Michael
Friederici organisiert, der jeden Monat Krimi-Autoren zu „Schwarze Nächte“ –
Lesungen in die Eimsbütteler Kneipe „Sonnenseite“ einlädt. Der mit
eindrucksvollem schauspielerischem Talent gesegnete Friederici konnte übrigens
in seiner Lesung die atmosphärische Dichte und das heimelig Kauzige der Dialoge
wunderbar herausarbeiten.
Unverwechselbar, ungehobelt, unverschämt: Im wunderbaren Fan-Magazin „Sherlock“,
das leider im letzten Jahr eingestellt wurde, hatte der Kolumnist Moriarty
(sic!) die ambivalente Haltung vieler Holmes-Fans gegenüber ihrem Helden auf
den Punkt gebracht, als er über einige unerträgliche Holmes-Marotten wie die
Qualmerei, den Drogenkonsum, die ewige Besserwisserei u.a. schrieb: „Ich hätte
ihm an Watsons Stelle gern einen Kinnhaken verpasst, ihm die Zähne
ausgeschlagen und mit dem Ruf: „Schönen Gruß an den Zahnarzt!“ zum Teufel
gejagt – aber ist Holmes nicht gerade wegen seiner Schwächen und Marotten ein
so liebenswerter, großartiger Typ? Yes, indeed, wer wollte da widersprechen?
Exit Holmes
„Wenn ich Holmes jetzt nicht umbringe, dann erledigt er mich!“ soll der völlig
entnervte Conan Doyle angesichts der grassierenden Holmes-Heldenverehrung
genervt geäußert haben. Er hatte sich ja, nachdem sein Sohn Kingsley während
des Ersten Weltkriegs gefallen war, immer mehr dem Spiritismus zugewandt und
war ohnehin davon überzeugt, mit seinen historischen Romanen die wirklich
bedeutenden Werke geschaffen zu haben. Schwer vorstellbar, dass sich heute
Tausende empörter Leser mit Trauerflorbinden auf den Straßen zusammenrotten, um
für die Wiederauferstehung ihres Helden und gegen die Indifferenz eines Autors
gegenüber seiner Lesergemeinde zu protestieren. Aber ist dies nicht die wahre,
höchste Anerkennung, die einem Autor überhaupt ausgesprochen werden kann?
Check
Mein Fazit: Die Einfädelung des plots mag oft ziemlich umständlich sein,
die aus unscheinbaren Indizien abgeleiteten Schlussfolgerungen des
Meisterdetektivs aus der Baker Street sind mitunter doch sehr spitzfindig. Aber
die Lektüre ist immer noch ein Hochgenuss, weil man eintaucht in eine Welt, die
noch simple Gruseleffekte wie einen mit Phosphor eingeriebenen Höllenhund oder
eine durchs Ventilatorgitter kriechende Schlange bereithält. Und die
Erzählperspektive des naiven Beobachters Watson ermöglicht genau den
kritisch-sympathischen Balanceakt, den der Leser selbst als ideal empfindet -
all dies ist keineswegs elementary, sondern geradezu brillant. So verzeiht man
dem kombinierenden Oberlehrer mit der kümmerlichen Allgemeinbildung, der uns
immer noch so großartig unterhält, eben doch seine irritierenden Marotten.
Peter Münder
Infos/Literatur:
Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes Geschichten. Diogenes Verlag. 254 Seiten. 8,90
Euro.
Zeus Weinstein: Das umfassende Sherlock Holmes-Handbuch. Zürich: Kein
& Aber. 264 Seiten 22,90 Euro.
John Dickson Carr: The Life of Sir Arthur Conan Doyle.
New York: Carroll & Graf. 304 Seiten.14 US-Dollar.
Sir Arthur Conan Doyle: Memoirs & Adventures. London: Wordsworth
Editions. 352 Seiten. 8,90 Pfund.
Nicholas Utechin: Sherlock Holmes at Oxford. Oxford: Robert Dugdale
Books. 28 Seiten
(brosch.). 1,25 Pfund.
Daniel Stashower: Sir Arthur Conan Doyle. Das Leben
des Vaters von Sherlock Holmes (Teller of Tales: A Life of
Sir Arthur Conan Doyle, 1999). Biografie. Deutsch von Michael Ross und Klaus Peter Walter. Köln:
Baskerville Bücher 2008. 511 Seiten. 36,90 Euro.
Sherlock Holmes Walk/London: Auf den Spuren von Holmes zu einigen
Schauplätzen: Jeden Freitag 14 Uhr ab U-Bahn Embankment ohne Voranmeldung.
kostet 7 Pfund. vgl.www.walks.com
The Sherlock Holmes Society Journal. Hrsg. von
der Sherlock Holmes Society London. www.sherlock-holmes.org.uk/journal.php