Schwarze Nächte ...

Lebenslanges Lernen
In seinem vorgeblich letzten Interview bezog Donald Westlake auch zum Problem Fortbildung Stellung: "Frage: Lesen Kriminelle Krimis?
DW: Ja. Richard Stark hat sehr viel Post aus dem Gefängnis bekommen. Die Insassen hatten eigenartigerweise das Gefühl, dass ich ihre Perspektive verstehe. Solche Briefe bekam ich eher auf die Bücher, die ich unter dem Namen Richard Stark denn als Donald Westlake veröffentlichte. Aus dem State Prison von Walhalla im Bundesstaat Washington schrieb mir mal einer, er habe soundso viele Jahre wegen bewaffneten Raubüberfalls aufgebrummt bekommen und sich eine ganze Reihe meiner Parker-Romane mit ins Gefängnis genommen, um sich mal gründlich fortzubilden."  (tagesspiegel, 06.01.09)

Boom Boom
"Der deutsche Krimibuchmarkt boomt, es wagen sich wieder mehr deutsche Autoren an das Genre heran. Das war nicht immer so... Die meisten deutschen Autoren seien schlicht zu gut erzogen, um richtig 'dreckige' Krimis zu schreiben. "Die glauben dann, mit ein bisschen Taxifahren und einem Germanistikstudium könne man selbst Figuren erschaffen", dabei fehle dann aber am Ende genau das, was einen erst richtig gut macht: Authentizität. "Wenn man einen Zuhälter in einem auftreten lassen will und den reden lassen will, und der ist authentisch, dann muss man einen Zuhälter kennen oder einen Journalisten kennen, der einen Zuhälter kennt. Ohne das geht es nicht."
Während man früher versuchte, Milieus zu beschreiben, in die man sich selbst nicht wagte, hat die heutige Generation davor keine Scheu mehr. Viele Autoren recherchieren ihre Figuren vor Ort und eignen sich ihre Sprache an - das spürt man beim Lesen. Außerdem seien die aktuellen Autoren selbst schon mit den sprachlichen und erzähltechnischen Kniffen der englischsprachigen Autoren aufgewachsen. "Die haben das alles in sich aufgesogen, die kennen die Tricks", sagt der Krimibuchhändler. Und einen solcher Tricks hat er auch parat: "Wenn Sie den Wald in Flammen setzen wollen, brauchen Sie ein anständiges Zippo-Feuerzeug und einen Kanister Benzin. Wenn Sie den Leser in Flammen versetzen wollen, brauchen Sie einen Konflikt - je härter, desto besser!" (Deutsche Welle, 30.8.2009; Autorin: Sophie Wenkel)

Ehrenhaft
Leer. Der aus Angst vor islamistischen Reaktionen vom Droste-Verlag abgelehnte Ehrenmord-Kriminalroman von Gabriele Brinkmann erscheint nun doch noch. Wie der Leda-Verlag aus Leer mitteilte, sei das Buch mit dem Titel "Wem Ehre gebührt" kurzfristig ins Programm aufgenommen worden und soll auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden. (Hamburger Abendblatt, 15.10.09)

In der Gegenwart lesen, hoffen, bangen...
In einer Replik zu den "10 Geboten für den Kriminalroman" von Stefan Brockhoff  in der Zürcher Illustrierten vom 5.2.1937 schrieb Friedrich Glauser  einen "Offenen Brief", der jedoch nicht in der Züricher Illustrierten veröffentlicht wurde. Darin heißt es u.a.: "Spannung ist ein vorzügliches Element; sie erleichtert dem Publikum die Anstrengung des Lesens. Sie lenkt den Geist, den von Sorgen geplagten Geist, von den Widerwärtigkeiten des Lebens ab, sie hilft vergessen. Genau wie irgendein Schnaps, genau wie irgendein Wein. Aber wie es auch echten Kirsch und Façon gibt, gerade so gibt es die echte Spannung und die Fuselspannung – verzeihen Sie das neue Wort. Und Fuselspannung nenne ich jede Spannung, die nur ein Ziel kennt: die Auflösung, das Ende des Buches. Sie gestattet nicht, diese Ersatzspannung, jede Seite des Buches als Gegenwart zu betrachten, in welcher der Leser minuten- oder sekundenlang lebt. Dass diese kurzen Zeitabschnitte, diese Minuten und Sekunden sich ihm zu Stunden, zu Tagen, zu Monaten weiten können, genau wie im Traum, das Wecken dieses Gefühls würde mir erst die Echtheit der Spannung beweisen. Solange die Spannung die Gegenwart verneint, muss die Zukunft die Rechnung bezahlen. Beim Lesen eines Buches geht es noch harmlos zu. Einzig ein öder Geschmack im Munde, ein leeres Gefühl im Kopfe zeigt an, dass die Spannung verfälscht war. Sie hat auf eine Lösung hingearbeitet, sie hat es versäumt, die guten Traumbilder zu wecken, nichts klingt nach, weil nichts in uns zum Klingen gebracht worden ist.
    Diese Hast nach der Zukunft auf Kosten der Gegenwart – ist sie nicht der Fluch unserer Zeit? Wir haben überhaupt vergessen, dass es eine Gegenwart gibt, die gelebt werden will. Wir haben vergessen, dass es sich lohnt, diese Gegenwart zu leben und sie nicht zu verschlingen wie ein Fresser, der Suppe, Fleisch, Gemüse hinunterschlingt, weil er nur an den Kuchen denkt, der am Ende der Mahlzeit winkt.
"

10 Regeln für einen fairen Kriminalroman
Aufgestellt hat sie der 1928 in London gegründete "Detection Club", der sich regelmäßig zu sog. "Dinner Meetings" trifft. "Die Aufnahme erfolgt nur durch Auswahl durch den Club, Aufnahmebedingungen sind die persönliche Empfehlung durch zwei Mitglieder und die Akzeptanz durch die anderen Mitglieder. Deshalb", so Wikipedia süffisant, "hatte der Club in seiner Geschichte immer relativ wenig Mitglieder." Auf der Website des Clubs  (www.detectionclub.com) heißt es: " Although the Detection Club has continued in some form to the present day, this site is devoted to the authors from the club's earlier years." Aufgeführt sind Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und G.K. Chesterton.  Agatha Christie starb 1976, die anderen beiden 1957, resp. 1936. Erklärend heißt es: "Currently, we feature three of the club's most famous members; more authors will be added in the future." - Die 10 Regeln (lt. Wikipedia):
1. Der Verbrecher muss bereits zu Beginn der Geschichte Erwähnung finden, aber es darf
    niemand sein, dessen Gedanken der Leser folgen kann.
2 .Übernatürliche Kräfte oder Mächte sind selbstverständlich untersagt.
3. Es darf nur eine Geheimkammer respektive nicht mehr als ein Geheimgang verwendet
    werden, und dies auch nur dann, wenn sich die geschilderte Umgebung dazu eignet.
4. Weder sind bis jetzt unbekannte Gifte gestattet noch irgendeine Art der Verabreichung, die
    am Ende eine lange wissenschaftliche Erklärung erfordert.
5. Chinesen haben in der Geschichte nichts zu suchen.
6. Weder darf der Zufall dem Detektiv zu Hilfe eilen, noch darf er unerklärliche Eingebungen
     haben, die sich als richtig herausstellen.
7.
Der Detektiv darf das Verbrechen nicht selbst begehen.
8. A
lle Spuren, auf die der Detektiv stößt, müssen dem Leser unverzüglich vor Augen geführt
    werden.
9. Der beschränkte Freund des Detektivs, sein Watson, darf keinen seiner Gedankengänge
    verschweigen; sein Intelligenzquotient muss leicht, aber nur ganz leicht, unter dem des
    durchschnittlichen Lesers liegen.
10. Zwillinge und Doppelgänger dürfen erst auftreten, nachdem wir gebührend auf sie
       vorbereitet worden sind.

Über das Lesen von Kriminalromanen und die Naturgesetze
"
Wenn wir einen Krimi lesen, machen wir uns gewöhnlich nicht bewusst, dass seine Geschichte nur auf der Grundlage der klassischen Naturgesetze funktioniert. Jede Wirkung hat eine Ursache, jede Tat einen Täter und jeder Mord mindestens einen Mörder. Niemand kann sich zur gleichen Zeit an zwei Orten aufhalten, also ein wasserdichtes Alibi haben und doch am Tatort gewesen sein. Die Gründe für ein Verbrechen liegen immer in der Vergangenheit, niemals in der Zukunft..." (Richard Kämmerlings, Im Nacken der Atem des Doppelgängers, FAZ, 31. Januar 2009) - Übrigens: Morgen ist heute gestern!!

Vom Krimi lesen...
"Wenn wir einen Krimi lesen, machen wir uns gewöhnlich nicht bewusst, dass seine Geschichte nur auf der Grundlage der klassischen Naturgesetze funktioniert. Jede Wirkung hat eine Ursache, jede Tat einen Täter und jeder Mord mindestens einen Mörder. Niemand kann sich zur gleichen Zeit an zwei Orten aufhalten, also ein wasserdichtes Alibi haben und doch am Tatort gewesen sein. Die Gründe für ein Verbrechen liegen immer in der Vergangenheit, niemals in der Zukunft. Und ein toter Körper fällt immer zu Boden - ohne Gravitation keine Spurensicherung...." (Richard Kämmerlings in der FAZ Literaturbeilage vom 31.1.09  zu Mathias Gatzas Debütroman "Der Schatten der Tiere").